Montaignes Warnung vor Gewissheiten
Michel de Montaigne lebte vor 400 Jahren (genau von 1533 bis 1592). Sein Werk, eine dreibändige Ausgabe von "Essais", hat nichts an Aktualität eingebüsst. Der französische Philosoph wollte nichts entscheiden, sondern unterscheiden. Sein Kampf gegen Gewissheit, die abrupt in blanken Fanatismus umschlagen kann, ist heute so gültig wie zu jeder Zeit.
Einmal beschreibt Montaigne, wie er mit seiner Katze spielt und sich fragt, ob es nicht vielleicht die Katze ist, die mit ihm spielt. Alles ist relativ, im Wandel, austauschbar, ungewiss. Worauf kann man sich da verlassen?
Der Mensch war für Montaigne ein "wogendes Wesen" ("un être ondoyant"), der "von nichts das Ganze" sieht, sondern nur Teile, Details, Fragmente, Teilansichten, die er beliebig zusammensetzt, macht er sein (individuelles, beschränktes) Fassungsvermögen zum Massstab aller Dinge. Das führt dann dazu, dass bei tausend Fragen "das Für und Wider gleichermassen falsch" ausfällt.
Montaigne war einer der grossen Vertreter der skeptischen Schule und damit ein Vorläufer der Aufklärung. Skepsis bedeutet soviel wie Misstrauen und ist damit ein Pendant zum Moralismus. Auch in Fragen der Moral verhält sich der Skeptizismus, wie in allen übrigen, reserviert und nimmt einen reflexiven Standpunkt ein.
Überzeugungen wies Montaigne strikt von sich. Das war seine Form von Zurückhaltung, die sein Denken auszeichnet. Darum ist es heute noch so zutreffend, in einer Zeit, in der das fundamentalistische (doktrinäre, absolute) Denken vor nichts Halt macht: Weder im politischen Alltag noch in Fragen der Religion, die zu einer korporativen Ideologien geworden ist. Etwas dagegen auszurichten ist für den einzelnen Menschen beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Ebenso schwierig ist es, sich gegen die Propaganda-Industrie zu wehren, die heute mit zur Verhinderung beiträgt, dass ich irgendwo noch "das Ganze" sehen kann.
Als einer, der schreibt und auch noch das Privileg hat, seine Meinung zu veröffentlichen, stellt sich die Frage, wie er damit umgeht. Bei jeder Meinung wisse er sofort, woher er sie habe, meinte Messmer, eine Figur in einem Buch von Martin Walser. Das war eine ironische Bemerkung, die besagen sollte, dass Meinungen zusammengesetzte und zufällige Agglomerate sind. Wenn man in der Fernsehsendung "Arena" beobachtet, wie die Politiker alles schon wissen, bevor sie gefragt werden, bekommt man eine Ahnung, wie wenig es taugt, was sie sagen.
Trotzdem geht es manchmal darum, zu einer deutlichen und nachvollziehbaren Aussage zu kommen, ohne dabei in die Falle des Relativismus zu treten ("Anything goes", hat Paul Feyerabend gesagt. Ist das richtig? Hoffentlich nicht) und ohne Triumph.
Montaignes Vorschlag ist nach wie vor brauchbar: Unterscheiden. Oder darlegen, erklären, die Genese einer Ansicht aufzeigen, einen Diskurs führen, ohne ihn abzuschliessen.
In Montaignes Geist wäre es bestimmt auch zu sagen: Ich habe eine Meinung, aber ich bestehe nicht darauf. Es ist nur ein Vorschlag, der weder richtig noch falsch ist, aber vielleicht einen neuen Standpunt oder einen Gegenstandpunkt in die Welt setzt.
18. September 2006
"Aus der westlichen Welt wurde eine Beliebigkeitsgesellschaft"
Unterscheiden ist gut. Aber wir sind in jedem Moment gezwungen, Entscheidungen zu fällen. Zum Beispiel, ob man diesen Leserbrief lesen will. Oder ob Zwangsehen nicht nur anders, sondern eine Menschenrechts- und Verfassungsverletzung sind.
Kritisches Denken und Reflexion sind auch gut. Keine Frage. Das Plädoyer gegen Fundamentalismus ebenfalls (werden es die Fundamentalisten lesen?). Doch warum sind totalitäre Extremismen wieder im Kommen? Weil wir unser humanistisches, eigenes Fundament weniger fundamental verteidigen? Aus Furcht vor Einschüchterung durch Extremisten?
"Ich habe eine Meinung, aber ich bestehe nicht darauf. Es ist nur ein Vorschlag, der weder richtig noch falsch ist." Gilt das auch für Menschenrechte? Schutz von Leben, Eigentum und persönlichen Freiheiten? Worauf bestehen wir noch?
Die westliche Welt hat sich dank einer fast alles tolerierenden Toleranz (also nicht diejenige von Sir Karl Popper, da gilt es auch zu unterscheiden) sowie Multikulti zu einer Beliebigkeitsgesellschaft hin bewegt. "Anything goes". Orientierungslosigkeit. Grenzenlosigkeit. Werteverlust. Haltlosigkeit. Freier Fall, Platz für Gewalt und Extremismen.
Es gibt richtig und falsch. Es gibt eine Verfassung, die für alle gilt. Selbst diejenigen, welche von "weder richtig noch falsch" reden, wollen weder getötet, beklaut noch vergewaltigt werden. Die sehr blutigen Religionskriege und auch die Nazis sind lange her. Vielleicht braucht es erneut viel Gewalt, bevor wieder Gewissheit entsteht, dass eine freie, demokratische Gesellschaft mit UNO-Menschenrechten und durchgesetzter Verfassung zwar nicht die perfekte, aber die beste Lösung und zu verteidigen wert ist (trotz Einschüchterung).
Und die Gewissheit, dass seit Jahrzehnten laufende Indoktrination - gegen welche Sturm gelaufen würde, versuchte man sie bei uns - ihre Wirkung nicht nur im Nahen Osten, sondern mittels Migration, Parallelgesellschaften und Satelliten-TV/Internet auch bei uns ihre Wirkung immer mehr entfaltet.
Die Entscheidung, was wir alles preisgeben, damit sich Leute, welche schon beim Aufstehen die beleidigte Opferrolle annehmen, einigermassen ruhig verhalten, wird uns in immer schneller wiederkehrenden Phasen mit höheren Forderungen abverlangt werden. Dann nur zu unterscheiden ist auch eine Entscheidung.
Andy Wolf, Muttenz