Smart Home und der überflüssige Mensch
Vor kurzem erregte ein Fait divers Aufsehen. Google hatte das Startup-Unternehmen Nest Lab gekauft habe. Nest stellt unter anderem Thermostate her. Dafür hat Google 3,2 Milliarden Dollar bezahlt, was auf eine grössere Tragweite des Kaufs hinweist. Mit Thermostaten lässt sich nicht nur die Klimaanlage von unterwegs regulieren – auch Daten in Privatwohnungen lassen sich abgreifen und Rückschlüsse ziehen, was in den Wohnungen geschieht.
Warum die Nachricht Erstaunen auslöst, ist unklar. Das sogenannte Smart Metering ist längst bekannt. Und auch ohne Thermostat werden wir auf Schritt und Tritt verfolgt und kontrolliert. Wahrscheinlich nimmt mich die im Computer eingebaute Kamera gerade beim Schreiben auf. Der beobachtete Beobachter, das ist der Zukunftsmensch.
Google sammelt Wissen und verkauft es weiter (Gewinn 2013: 13 Milliarden Dollar). Zum Beispiel, wenn es alte Bücher scannt und im Netz zugänglich macht, heute noch gratis, aber das kann sich ändern. Als Francis Bacon sinngemäss sagte, Wissen sei Macht, meinte er damit Naturbeherrschung und wissenschaftlichen Fortschritt. Für den englischen Philosophen und Staatsmann, der vor 400 Jahren lebte, war das eine erstaunlich moderne Einstellung. Nur würden wir heute im Unterschied zu damals eher sagen: Wer zuerst kommt, kassiert zuerst.
An der kürzlich abgehaltenen Consumer Electronic Show in Las Vegas wurden die neuesten Entwicklungen in der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik demonstriert. Eine schöne, neue, digitalisierte und datafizierte Welt steht uns bevor – und ihnen ein Milliardengeschäft.
Die Fussböden der Zukunft werden mit Sensoren ausgerüstet sein, die als Botnets Daten an Google, der alles wissen will, weiterleiten. Wie aufgrund der Thermostate weiss das Wissensunternehmen zu allem anderen dann auch, wer sich in der Wohnung aufhält.
Auch die Bettwäsche wird mit Sensoren bestückt sein und das Verhalten der Schlafenden erkennen. Die gewonnenen Daten werden an Google oder wen auch immer weitergeleitet, natürlich zum alleinigen Wohl der Betroffenen. Droht nächtlich eine Krise, können sie sofort benachrichtigt werden, noch bevor sie selber die ersten Symptome feststellen. Zugleich werden aber auch hochwertvolle Daten über Herzrhythmus-Frequenzen, Schlafgewohnheiten und so weiter abgegriffen, ausgewertet und weiterverwendet.
Wie Fussböden und Betttücher werden übrigens auch Autositze mit Sensoren versehen, die ihren Besitzer sofort erkennen (sitzen und besitzen ergeben ein altbekanntes Wortspiel). Sollte sich eine unauthorisierte Person ans Steuer setzen, zum Bespiel ein Dieb, kann das Fahrzeug sofort selbsttätig alle Betriebsfunktionen ausschalten.
"Wir sind unbemerkt in das Vorstadium
des Zombie-Daseins getreten."
Das Auto der Zukunft wird "wie ein menschliches Gehirn" operieren, heisst es von berufener Stelle dazu. Aber das kann nicht stimmen. Denn dann bräuchten wir ja die Elektronik zum Fahren gar nicht. Gemeint war wohl eher, dass das Gehirn wie ein Auto funktioniert und gelegentlich durch dieses ersetzt werden kann.
Das Smart Home beziehungsweise Internet der Dinge, in dem alle Haushaltgeräte miteinander verlinkt und mit dem Smartphone konnektiert sind, ist im Begriff, Realität zu werden, eher früher als später; der Autopilot im Automobil ersetzt den Fahrer; der Frigidaire rapportiert seiner Besitzerin den Vorrat an Milch, Mineralwasser und Orangensaft.
Was für eine Lebenserleichterung. Überall frohe und dankbare Gesichter. Die Rechnung später. Im Moment lehnen wir lässig zurück, und das fehlende Getränk wird per Drohne nachgeschoben.
Der Komfort macht die Menschen unmündig und überflüssig, die Kühlschränke werden selbst ihren Inhalt trinken. Der automatisierte Fortschritt versetzt das Leben in einen neuen Aggregat-Zustand. Wir sind in das Vorstadium des Zombie-Daseins getreten. Vielleicht werden zwei Maschinen eines Tages koitieren oder sich selbst klonen. Wenn dann der groteske Höhepunkt der Entwicklung erreicht ist, ist es um den Menschen längst geschehen.
Der amerikanische Soziologe David Riesman hat in seinem 1950 erschienen Buch "Die einsame Masse" ("The Lonely Crowd") eine visionäre Interpretation der Entwicklung gegeben, die wir heute erleben.
Er beschrieb den verwöhnten Konsumenten und bezeichnete ihn als Typus des "aussengeleiteten Menschen", als Informationssammler (der "Informationshuberei" betreibt), als Konformisten, der macht, was die anderen machen, weil die es ebenfalls wie alle anderen machen. Am liebsten lässt er sich von Moden, fremden Meinungen und (heute medial produzierten) Vorbildern leiten und von Gadgets und Events verführen. Er ist eine flexible, sich anpassende, autistische und narzisstische Persönlichkeit in einer Welt, in der der Konsum zum Spektakel geworden ist.
Die Aussenleitung oder -lenkung kommt bei Riesman wörtlich so nicht vor (er sprach von "other-directed person"), aber der deutsche Ausdruck ist eine glänzend treffende Charakterisierung. Er steht für die Weltferne eines Menschentypus, der in die Indifferenz und zuletzt Isolation abgleitet, in die im Titel des Werks enthaltene kollektive Einsamkeit.
Das alles hat Riesman, heute ein Klassiker der Soziologie, vorausgesehen. Jetzt sind wir soweit. Dabei hat die Entwicklung erst angefangen.
10. Februar 2014
"Orwellness-Oase"
In der Orwellness-Oase lebt es sich halt oberflächlich sehr gut. Leider.
Dieter Stumpf, Basel
"Verfalldatum vermutlich schon überschritten"
Ich teile die Wahrnehmung von Aurel Schmidt voll und ganz. Und ich befürchte das Schlimmste. Was werden die Menschen mit all der Zeit anfangen, die sie nicht mehr benötigen, um selbst alle diese Tätigkeiten/Funktionen auszuüben, die ihnen die versmartete Umwelt abnimmt?! Und wann merkt die Menschheit, dass sie nicht nur durch die Zerstörung der Umwelt und natürlichen Ressourcen den Ast absägt, auf dem sie sitzt, sondern mit solchen überflüssigen Gadgets sich selbst abschafft bzw. überflüssig macht?
Die Menschheit hat ihre Verfalldatum vermutlich schon überschritten. Es ist höchste Zeit, dass etwas Besseres kommt. Aber bitte nicht von Menschen gemacht, sondern Mutter Natur, die hoffentlich auch mit dieser Herausforderung fertigwerden wird.
Ich hoffe immer noch darauf, dass uns sehr bald die Rohstoffe ausgehen werden, die für die Herstellung von Smart Phones und all den anderen unnötigen Helferlein verwendet werden. Oder dass der Strom rationiert wird, sodass wir wieder vermehrt den eigenen Verstand und unsere Hände gebrauchen müssen, ehe unser Gehirn auf die Grösse einer Baumnuss geschrumpft ist und unsere Hände nur noch in der Lage sind, über smarte Glasplatten zu wischen.
Gaby Burgermeister, Basel